DIE ERFINDUNG DER SICHTBARKEIT
Vom Bild, das wir uns vorstellen zum Kunstwerk.
Wo die Bilder ihren Anfang nehmen, ist meistens schwierig zu sagen. Sie entstehen im Kopf, aber eigentlich ist der Kopf nur der Ort, wo sie generiert werden. Jeden Tag sehen wir Bilder und machen wir uns Bilder. In der Kunst erfährt dieser Vorgang eine Verlängerung dadurch, dass die Bilder nicht nur vorgestellt, sondern auch in eine materielle Form gebracht werden. Bilder sind etwas, das wir uns einbilden, aber um es tun zu können, ist ein dialektischer Prozess unumgänglich, weil "einbilden" soviel wie "imaginieren, sich vorstellen" heisst, aber auch "in ein Bild umsetzen" meinen kann und muss, damit die Bildtheorie stimmt. Das wäre leichter zu verstehen, wenn der Unterschied zwischen "picture" und "image" gemacht würde wie in der englischen Sprache. Das Bild als "picture" ist das materielle Bild, das physische Substrat, das Bild als "image" dagegen die Erfindung einer Sichtbarkeit und der Umgang damit. In diesem Sinn ist "picture" der Bildträger, aber zugleich auch die Arbeit am Bild, das heisst die künstlerische Ausführung, während "image" das innere Bild ist, die Vorstellung, die wir uns machen, sozusagen das, was in der Welt in Erscheinung tritt, weil wir darüber nachdenken, wenn wir es tun.
Für die Künstlerin Rosa Lachenmeier hat diese Voraussetzung entscheidende Bedeutung. Nur das eingebildete Bild ist voraussetzungslos da. Jeder und jede darf sich eine eigene Vorstellung machen, ein eigenes Weltbild in dem Sinn, dass die Welt jederzeit in allen Bereichen der Interpretation unterliegt. In der Kunst jedoch ist das alles solange unmöglich, als nicht das Bild einen festen Ort im Sinn eines existenten Kunstwerks markiert. Künstlerische Tätigkeit ist immer die Arbeit an einer Reduktion auf einen bestimmten Punkt hin: auf das Bild und seine Präsenz, sowie auf eine sichtbare und formale Einkreisung: auf die Aussage. Erst wenn das Kunstwerk, das als Objekt an einer Wand hängt, sozusagen "da" ist, das heisst vollendet ist, kann es als Bild interpretiert werden und ist es möglich zu verstehen, was mit ihm in die Welt getreten ist. Erst jetzt ist es möglich, sich einzubilden, was gesehen werden kann. Natürlich kann ich mit Leonardo eine leere Wand anschauen und eine pikturale Vielfalt aus Punkten, Kontrasten, Farben sehen, aber es ist immer noch die Wand. Beim Kunstwerk ist dagegen etwas entstanden, das zwischen dem geschaffenen Sichtbaren und dem Interprtierbaren liegt. Das Kunstwerk ist ein Eingriff.
Bilder entstehen; sie werden gemacht. Sie fallen nicht vom Himmel, sondern sind das Ergebnis von Arbeit, Ausführung, Handwerk, das heisst des Umgangs mit Material, zum Beispiel Holz, Papier, Farbe. Damit wird etwas angestellt beziehungsweise hergestellt. Diese Erklärung mag extrem materialistisch sein, dafür ist sie in der Lage, genau und ohne Verblasenheit zu beschreiben, was geschieht, und sei es als erstes, dass die aktive, leibhaftige Anwesenheit des Künstlers unabdingbar ist und eine Voraussetzung darstellt, damit das Werk entstehen kann. Die Künstlerin Rosa Lachenmeier im Atelier, die eine handfeste Tätigkeit ausübt: das ist die Grundsituation. Was hier wie Theorie aussieht, ist für sie geläufige Praxis. In der beschriebenen Art und Weise entstehen ihre Werke. Das, worauf es vor allem ankommt, ist die Realisierung. Was die Bilder bedeuten, was in ihnen gesehen werden kann, ist etwas, das erst danach zur Diskussion steht.
Die Reaktion der Fotografie auf die Malerei und umgekehrt.
Mit der Kamera macht sich Rosa Lachenmeier auf den Weg. Unterwegs fotografiert sie, was ihr vor das Objektiv kommt, zuletzt Geschäfte in Amsterdam. Von den Fotografieabzügen ausgehend, sind ihre "Pieces of Amsterdam" entstanden. Für ihre neuesten Arbeiten seit Sommer 2000, die sie unter dem Titel "Wasserwerke" zusammengefasst hat, sind es zur Hauptsache Aufnahmen von Wasser, die sie am Rhein oder im Rheinhafen in Basel gemacht hat, ausserdem Aufnahmen anonymer Architektur wie etwa Industrie- und Zweckbauten. Von den Aufnahmen lässt sie Laserabzüge herstellen, die auf einer Holzplatte collageartig angeordnet werden. Auf diese Weise soll eine Struktur ebenso wie eine Rhythmik entstehen. Motive tauchen auf, verschwinden, repetieren sich. Oder sie kehren, auf den Kopf gestellt, wieder. Manchmal wird der Wasserhorizont betont und einmal hoch, das andere Mal tief angesetzt. Manchmal werden die architekturalen Teile und Ausschnitte als Bildelement hervorgehoben. Die Farben üben einen Einfluss auf das Bild aus, und weil von den Aufnahmen sowohl Positiv- wie Negativkopien verwendet werden, variieren sie auch, mit dem Resultat, dass zum Beispiel ein positives Blau das Ergebnis eines negativen Oranges ist oder sich auf einem Negativabzug ein positives Orange in ein negatives Blau verwandelt. Sind diese Arrangements einmal vorgenommen, wird die so entstandene Unterlage mit Frabe bearbeitet und übermalt. Gelegen ist Rosa Lachenmeier daran, dass in jedem Fall die grafische Eigenart der Bildbestandteile erhalten bleibt, sei es der fotografische Ausschnitt, die digitale Auflösung, die Punkte des Siebdrucks und so weiter. Die pastos verwendete Farbe schliesslich soll zu einem haptischen Erlebnis führen.
Die Pole, zwischen denen sich das Bild situiert.
Was auf diese Weise erfolg, ist eine Auseinandersetzung mit den Elementen, aus denen ein Bild besteht. Wenn Rosa Lachenmeier mit Malerei auf die Fotografie reagiert, dann ist es eigentlich ein Verfremdungsprozess, der stattfindet. Die Fotografie ist in ihrer Aussage eindeutig. Die Kunst antwortet darauf mit der ihr innewohnenden Doppel- Mehr- und Vieldeutigkeit. Die Eindeutigkeit soll gebrochen werden. Aber da die Fotografie ihrerseits selber schon eine Verfremdung der Wirklichkeit ist, zumindest eine Repräsentation davon, ist es denkbar, dass der künstlerische Beitrag auf eine wechselseitige Umkehrung des Verhältnisses von Wirklichkeit und Künstlichkeit abzielt. Am auffallendsten ist vielleicht, dass Bilder in den Bildern sichtbar werden und dass sie hervortreten und verschwinden, wenn man sie von der Ebene der unterlegenen Fotografie aus betrachtet, während sie eher verschwinden und neu herortreten, wenn man von der Übermaung ausgeht.
Die Bilder von Rosa Lachenmeier werden kaum verständlich, wenn man nicht an diese laufende Umkehrung denkt, die zwischen Konstruktion und Kreativität, positivem Abzug und negativer Kopie, Gegebenheit und Verfremdung, Aussage und Ausdruck, Wirklichkeit und Aura und so weiter unentwegt geschieht: eine ständige Oszillation zwischen den Polen, innerhalb derer das Werk situiert ist. Es wäre nicht falsch, darin einen spielerischen Umgang von Rosa Lachenmeier mit den Konventionen des Sehens und der Wahrnehung zu vermuten.
(...)
Was man sieht, ist das, was vorhanden ist, weil es entstanden ist. So einfach ist das. Aber es ist, wie alles Einfache, nur selten auf Anhieb zu verstehen.
Aurel Schmidt
