GEDANKENSPLITTER
ZUM WERK VON ROSA LACHENMEIER
Wahrheit und Eingriff
Es ist schon seltsam, wie lange Malerei und Fotografie als grundverschiedene, ja gegenläufige Formen der Aufzeichnung betrachtet wurden. Die Erklärung dafür kann so kompliziert die Geschichte der Wahrnehmung auch ist auf einen Punkt gebracht werden: Lange Zeit war die Fotografie das Wahrheitsmedium par exellence. Eine Frage des Glaubens und des Vertrauens in die Technik: Der Apparat zeichnet nur das auf, was real ist. Diese vermeintliche Objektivität stand der Subjektivität der "malenden Hand" gegenüber. Man glaubte an die Chemie und an die Spuren, die das Licht hinterlässt. Die bekannten Bildfälschungen, die Retouchen, die bestimmten Fotografien meist aus politischen Gründen "angetan" wurden, konnten diesen Glauben nicht erschüttern. Im Gegenteil: nur durch einen manuellen, nachträglichen eigentlich malerischen Eingriff konnte der Wahrheitsgehalt der Fotografie geschmälert werden. Glaubte man. Noch offensichtlicher erkennbar und darum harmloser war die Kombination von Malerei und Fotografie in der Handkolorierung. Schon Daguerreotypien oder Ambrotypien wurden angemalt. Und später geschah das vor allem mit Postkarten. Heute lächeln wir nur noch mild über diese Versuche, etwas mehr Realität in Ansichten von Landschaften zu bringen (war das überhaupt das Ziel, bleibt zu fragen) oder der Tänzerin aus den zwanziger Jahren mit rosa Wangen etwas mehr Liebreiz zu verleihen.
Bild und Reales
Und am Ende des vergangenen Jahrhunderts wird plötzlich die untrennbare Verbindung von Fotografie und dem Realen in Frage gestellt. Die digitale Bilderzeugung liess und lässt uns immer mehr an diesem Konnex zweifeln; den Bildern, müssen wir nach und nach lernen, ist gründlich zu misstrauen. Wie einem geschriebenen Text. Eigentümlicherweise wird auch jetzt erst tiefer und häufiger (und über die alten Ikonen der Fototheorie wie Benjamin, Kracauer, Barthes hinaus) über die Fotografie nachgedacht; zu einem Zeitpunkt, wo der Paradigmenwechsel hin zum "lichtlosen Lichtbild" schon fast vollzogen ist. Darob geht die wunderliche Beziehung zwischen Malerei und Fotografie fast vergessen. Vielleicht, könnte man sagen, hat das Digitale diese Beziehung enger gemacht, als sie es je gewesen ist. Heute wird jedenfalls immer evidenter, dass der Fotoapparat nicht neutraler oder objektiver ist als das, was den Pinselstrichen der Maler entspringt.
Moment und Zufall
Das alles eröffnet Perspektiven, verkleinert die Brennweite unseres eigenen Blicks, lässt Medien zusammenrücken. Die Basler Künstlerin Rosa Lachenmeier gibt uns Anschauungsunterricht, wie Malerei und Fotografie, respektive digital generierte Bilder dieser Unterschied verkommt bei ihr im Endprodukt zur Bedeutungslosigkeit einhergehen und sich im selben Bild ergänzen und erweitern können. Anschauungsunterricht, notabene, der frei von didaktoider Attitüde ist. Seit einigen Jahren verwebt Rosa Lachenmeier Malerei und Fotografie zu Werken von beeindruckender Konsistenz. Die Künstlerin selbst nennt das, was sie tut, ein "Oszillieren" zwischen Fotografie und Malerei. Dabei dient ihr das Lichtbild oder die digital generierte Form als Rohmaterial. "Das Geschenk des Zufalls", wie Rosa Lachenmeier sagt, spielt dabei eine grosse Rolle. Das Zufällige sei im Digitalen leichter zu finden wobei hier auch die rein mechanische (und monetäre!) Erleichterung des schnell Knipsens und schnell wieder Löschens gemeint ist. Da, wo sie sowieso sei, da fotografiere sie. Sie hat kein konkretes Bild im Auge, wenn sie in irgendeine Stadt fährt, um "das Leben auf der Strasse zu packen". Cartier-Bressons Diktum von "moment décisif" in der Fotografie gilt ihr wenig, von Dokumentation oder einer Suche nach den charakteristischen Erscheinungen eines bestimmten Ortes kann keine Rede sein. Anderseits handelt es sich auch nicht um völlig losgelöste Schnappschüsse. Dafür ist Rosa Lachenmeiers Blick wohl zu künstlerisch, zu professionell. Es zählt einzig, was danach im Atelier für gut oder passend befunden wird, eines der vielen fotografischen Teile zu bilden, aus denen ihre Werke bestehen. Die einzelne Aufnahme erhält bei Rosa Lachenmeier ihren endgültigen "Wert", ihren Raum sowie ihre Bezugspunkte erst im Kontext zu anderen ihrer Art.
(...)
Bewegung und Geister
Bewegung wurde in der Geschichte der Fotografie immer mit Unschärfe assoziiert, mit "Strichen" und Linien, die die Zeit auf dem Fotopapier hinterlässt im Grunde also auch mit der Vorstellung von Zeit als lineare Spur. In den frühen Tagen des Mediums war es gar so, dass die äusserst langen Belichtungszeiten leere Städte und Strassen hinterliessen. Später am Ende des 19. Jahrhunderts gelangte man zur Einsicht, dass sich bestimmte Dinge nicht dem Auge zeigten, sondern nur auf Fotografien sichtbar wurden und plötzlich "erschienen" in den Boomzeiten des Okkulten Emanationen, Phantome und Geister. So weit geht Rosa Lachenmeier natürlich nicht, und im übrigen sind ihre Fotografien nicht immer von Bewegungsunschärfe gezeichnet. Und doch: die Malerei, die zwischen den einzelnen Fotografien zunächst als optisches Verbindungsglied funktioniert, verleiht den digitalen Bildern etwas Geisterhaftes. Es wird eine Bewegung sichtbar, eine imaginierte Zeit- und Tempospur, die uns in den Fotografien selbst vorenthalten bleibt. Es ist, als ob die Farben und Stimmungen der einzelnen Szenen auf den Fotografien in den Zwischenräumen weiter wirkten. In diesem Sinn ist die Malerei nicht als Ergänzung zur Fotografie zu verstehen, sondern als Manifestation einer künstlerischen Idee, die sich im Akt des Fotografierens erst andeutet und später im Atelier angesichts sämtlicher Bilder einer Serie verdichtet. Im fertigen Bild ist dies zunächst als grafisches Element zu deuten, warum aber sollten wir beim zweiten Hinschauen nicht eine feine Geisterspur darin erblicken wollen?
Wörter und Töne
Nimmt man die Musik als Deutungshilfe und das liegt gerade dann nahe, wenn wir von Komposition und Rhythmus als konstitutiven Elemente der Werke Rosa Lachenmeiers ausgehen könnte man sagen, bei ihren Bildern hande es sich um ein Duett: Um die Singstimme, die ein paar Fragmente einer Geschichte erzählt (die Fotografien) und um das Klavierspiel, das diese Geschichte in Bildern umsetzt (die Malerei), die Elemente verbindet. "Untermalt" wäre hier genau der falsche Begriff, da er hierarchisiert. Pianisten wehren sich ja auch sehr dagegen, als "Begleiter" eines Liedsängers tituliert zu werden. Sie sind Gleichberechtigte in einem kohärenten System aus Wörtern und Tönen.
Vorlage und Zugabe
Rosa Lachenmeiers Bilder sind offener als die meisten musikalischen Partituren. Ausser der räumlichen Anordnung, der bewussten Betonung von Vertikalem und Horizontalem, gibt es keine Parameter, wie sie zu sehen, respektive zu lesen sind. Die Bewegungsintensität der Bilder oder die Zügigkeit der Pinselstriche geben uns sachte Hinweise auf das intendierte Tempo der Künstlerin. Wir müssen ihr aber nicht unbedingt folgen. Wir können auch überspringen oder verweilen, ein "Punktum" in den Bildern suchen, also etwas Fesselndes, Berührendes, Uns-In-Beschlag-Nehmendes, oder nicht, die grobe oder feine Struktur der Malerei in Beziehung zu den glatten Oberflächen der laserkopierten Bilder setzen so, wie es auch die Künstlerin im Herstellungsprozess tut. Wir können das alles, aber müssen nicht. Eine Form von Misstrauen ist es nicht, was aus Rosa Lachenmeiers Werken spricht; kein Misstrauen gegenüber den Unzulänglichkeiten der Fotografie allein oder der Malerei allein. Auch sind die jeweiligen Schaffensprozesse den Auslöser drücken, den Pinsel, die Rolle, Bürste oder den Spachtel führen für die Künstlerin autonome, für sich selbst stehende Vorgänge. In der Verschmelzung dieser beiden Formen des Sichtbarmachens, der Fotografie und der Malerei, geht es auch um die Verschmelzung und Erweiterung von Impressionen, um das (Ver-)Weben und Erweitern von Eindrücken. Die Fotografie ist nicht einfach Vorlage, die Malerei nicht nur Zugabe.
Patrick Marcolli
