Rosa Lachenmeier
STADT – LICHT


Katalog zur Ausstellung Nacht – Licht in der Galerie Mäder Basel vom 25. Mai bis 30. Juni 2007.

21 x 28 cm, 32 Seiten, farbige Abbildungen, Umschlag 4-Farbsiebdruck
Texte von Hans-Joachim Müller.

ISBN 3-905483-68-8, Galerie Mäder, Basel, 2007.

copyright für folgenden Textauszug:
Hans-Joachim Müller, Freiburg i.B.

Stadterfahrung

Bilder waren nicht immer. Lange kam das Sehen ohne Bilder aus. Erst als das Sehen sah, dass es sieht, gab es die Bilder. Bilder erinnern das Auge daran, dass es etwas tut, dass es sehend kleine oder grosse Ausschnitte aus der Welt schneidet. Kleine oder grosse Weltausschnitte heissen Bilder. Und es ist ein ziemliches Geheimnis, wie sich die kleinen oder grossen Weltausschnitte von der Welt abheben, wie sie sich eingraben ins Gedächtnis, wie sie sich auflösen, vernebeln, unversehens wieder da sind, als hätten sie sich von Raum und Zeit gelöst. Ein ziemliches Geheimnis, wie beim Sehen eine eigene Welt entsteht. Von Anfang an haben die Bilder ihr Geheimnis gehabt. Und dies Geheimnis haben sie nie verloren. Auch nicht, als sie so zahlreich geworden sind, dass alle Welt hinter den Bildern verschwunden scheint.

I
hr Geheimnis ist es, warum man von den Bildern nicht lassen kann. Ihr Geheimnis ist es, was Eindruck macht. Der Eindruck ist stark vor den Bildern von Rosa Lachenmeier. Es gibt andere Werke, die verführen mit ihren Details, lenken den Blick dahin und dorthin, behalten die Regie in der Begegnung mit ihnen. Hier geht der Sog von der Fülle aus, die in die Bilder eingeschrieben ist. Man sieht sie pauschal, gesamthaft, verspürt eine sinnliche Kraft, die nicht aus einzelnen Zeichen, Signalen oder Appellen stammt. Es ist das Zusammenspiel der Teile, das Zusammenspiel der Bilder, ihre Inszenierung an der Wand, was den Eindruck bestimmt. Noch bevor man die einzelnen Bildgegenstände identifiziert, ist man in den Bann des Bildganzen geraten. Noch bevor man etwas weiss, hat man sehend erst einmal eine Erfahrung gemacht.

Wie soll man die Erfahrung beschreiben? Es ist eine sehr zeitgenössische Erfahrung. Eine Erfahrung des Unabgeschlossenen, Unvollendbaren, des fliessend Unaufhaltsamen. (...)

(...)
Es ist immer wieder Thema gewesen, das Verhältnis von Fotografie und Malerei in diesem Werk. Als lohnte es sich noch immer, eine Opposition zu bedenken, wie sie in den Pionierzeiten des techni-
schen Mediums bestanden haben mag. Abgesehen davon, dass Maler selten davor zurückschreckten, sich die Fotografie zu Diensten zu machen, sind die graduellen Unterschiede in der Kompetenz der Medien immer nur aus kulturpessimistisch technik-
kritischer Perspektive behauptet worden. Das avant-
gardistische 20. Jahrhundert hat sich um solche philosophischen Bedenken wenig gekümmert. Man sollte also auch im Werk von Rosa Lachenmeier nicht lange rätseln, welchen Part die Fotografie übernimmt und welche Zuständigkeit der Malerei geblieben ist. Die mediale Vielsprachigkeit gehört zu den Basics der zeitgenössischen Kunst. Der polyglotte Gebrauch der visuellen Mittel, das Switchen vom Zeichenstift zum Auslöser, von der Leinwand zum Photoshop, vom Stativ zur Staffelei ist längst selbstverständliche Praxis. So entstehen heute Bilder. Es sind kreative Verfahren, frei von der alten Emphase, mit der die Malerei einmal ihre unhintergehbare Würde verteidigt hat.

Es wäre so gesehen ein Missverständnis, wenn man den malerischen Elementen auf den in der Regel fotogrundierten Bildern die Funktion einer künstleri-
schen Nobilitierung zuerkennen wollte. Als sei das Bild erst jetzt über seine Beiläufigkeit hinaus gewachsen. Und es wäre nicht weniger Missver-
ständnis, wenn man die Arbeit an den langen Fotostrecken, die die Künstlerin aufnimmt, sammelt und auswählt, als gleichsam gegenständliches Vorkapitel beschriebe, dem dann das gestisch freie, also ungegenständlich malerische Hauptkapitel folgte. So wenig Fotografie hier als abbildendes Medium zum Einsatz kommt, so wenig kommt der Malerei die törichte Aufgabe zu, die deutbaren Bildzeichen gleich wieder unkenntlich zu machen. Malerei ist bei Rosa Lachenmeier nicht

Kommentierung und nicht Ergänzung, nicht Ausgleich eines Mangels, so als wüsste die Malerei irgendetwas besser als die Fotografie. Malerei ist in diesem Werk Öffnung der Fotogegenständlichkeit, Aufladung der kleinen und grossen Weltausschnitte mit formaler Logik, handschriftlichem Temperament und emotio-
nalem Überschuss.

So akzentuiert die Integration von Fotografie und Malerei eine bildnerische Praxis, die die Leinwand gleichsam aufspannt als Projektionsfläche für die Bilder im Kopf. Das aufgeklärte Sehen, das seine Ausdrucksmittel aus dem faszinierend undurch-
sichtigen Lebensraum Stadt bezieht, ist ein Sehen, von dem nicht zu trennen ist, was undurchsichtig bleiben muss – das zuvor Gesehene, das abge-
speichert Gesehene, das unverfügbar Gesehene. Immer sieht die Seh-Erinnerung mit, wenn die Augen sehen. Und selten ist das Sehen entlastet von den Seh-Gefühlen, von den Seh-Empfindungen, die es begleiten. Sehen ist ein ganz und gar vegetativer Prozess. Man hätte wenig gesehen, wenn man auf den Bildern nur die verlässlichen Ansichten herauslöste. Und man hätte vieles übersehen, wenn man auf den Bildern nur die Farbverläufe, die Farbgestik, die Farbschwünge sehen wollte. Wenn man sich zum Beispiel vor den Container-Bildern mit den vertikalen Farbgittern begnügte. Wenn man in der Vergitterung nicht zugleich das Seh-Abenteuer entdeckte, diese in die Gitter eingemalte Erfahrung vor und inmitten und unter den gigantischen Mauern und Halden aus gestapelten Containern. Eine Erfahrung wie im Steinbruch von Carrara. Ein Erfahrung, die beides braucht, die Fotografie und die Malerei, um ihrer Erregung Form und Ausdruck zu geben.

Nie sind Rosa Lachenmeiers Bilder bloss ästhetische Etüden. Nie sieht das Sehen bloss Gegenstände. Das ist zwar ein populärer Verdacht, doch er beschreibt das komplexe Ereignis Wahrnehmung nicht zureich-
end. Das eine sind die Gegenstände, die man auf den Bildern sieht: die nächtliche City, die Lichtspuren des Verkehrs, die menschenleeren Boulevards, die verschwimmenden Architekturkulissen. Aber das andere, was man sieht, was man sehen kann, sind die flirrenden Zeichen und Bilder, die zu den Gegenständen gehören. Es ist das, was der Stadtgänger in Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften sieht – eine Stadt "aus Unregelmässig-
keiten, Wechseln, Vorgleiten, Nichtschritthalten, Zusammenstössen von Dingen und Angelegenheiten, bodenlosen Punkten der Stille dazwischen, aus Bahnen und Ungebahntem, aus einem grossen rhythmischen Schlag und der ewigen Verstimmung und Verschiebung aller Rhythmen gegeneinander."

Stadterfahrung: Hin- und hergerissen zwischen Funktion und Freiheit, Sicherheit und Ausgeliefert-
sein, Unendlichkeit und Enge, monströsem Versprechen und Begrenzung, Orientierung und labyrinthischer Verlorenheit. Eine dynamische Raum-
erfahrung, in der noch die stabilste, verlässlichste Dimension als reine, unberechenbare Energie erscheint, und die Selbststeuerung der Kräfte über allen Planungswillen triumphiert. Eine Erfahrung der Beständigkeit und der beständigen Veränderung, bei der kein Autor des Drehbuchs, kein Regisseur der Inszenierung benennbar wäre. Eigentlich sehr zum Staunen. Und sehr zum Staunen, wie Rosa Lachen-
meier aus sehendem Flanieren und flanierendem Sehen sinnliches Bewusstsein schafft, wie ihre Bilder im einen Augenblick mit unspektakulären Stadt-
zeichen verführen und sich im nächsten Augenblick hinter ihre gemalten Schleier zurückziehen. Mag schon sein, dass sie auch davon erzählen, wie die kleinen und grossen Weltausschnitte die Welt mehr und mehr ersetzen. Und doch hat man sich an die kleinen und grossen Weltausschnitte, die Bilder heissen, nie so gewöhnt, dass es das Staunen nicht mehr gäbe.

Hans-Joachim Müller