VERDICHTETE STIMMUNGEN
Jedes künstlerisch durchdachte Werk ist in sich stringent und geschlossen. Dieses Kriterium stellt für die Betrachterin oder den Rezipienten eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar, denn es gilt, eine Art Einstieg ins Werk zu finden, um es überhaupt wahrnehmen, betrachten und auf sich wirken lassen zu können. Das Kunstwerk selbst bietet uns wenn wir wollen per se die Gelegenheit, in seinen Rhythmus einzusteigen und das Wagnis einzugehen, sich von der Atmosphäre des Bildhaften forttragen zu lassen, um einzutauchen in eine Welt der Fantasien und Empfindungen, in einen Bereich jenseits der wahrnehmbaren Wirklichkeit, die uns vertraut ist. Allerdings muss man vor dem Kunstwerk zuweilen geduldig warten, bis man angesprochen wird.
Vielschichtige Bildfragmente
Eine Annäherung an die bunte Welt der hellen Lichter, hohen Häuser und beschäftigten Menschen in Rosa Lachenmeiers Papierarbeiten ist so leicht nicht. Es sind von langer Hand vorbereitete, wohlkom-
ponierte und vielschichtige Werke. Ausgangspunkt ihres künstlerischen Schaffens ist die Fotografie, Inspirationsquelle die moderne Welt, deren Schnelllebigkeit und Sinnesüberflutung gleicher-
massen wie deren Reize der scheinbaren Grenzen-
losigkeit. Mit der Kamera begibt sich Lachenmeier auf Entdeckungsreise durch die Stadt, fängt zufällige Bilder von Menschen in belebten Strassen oder von Spaziergängern in der Stadtperipherie ein. Es sind Alltagssituationen, die sie interessieren. Ausgehend von diesen fotografischen Aufnahmen, die sie zu zweit, zu viert oder in grösseren Gruppen aneinander fügt, greift Lachenmeier anschliessend zu malerischen Mitteln, um das Atmosphärische der Fotografien auf der Ebene der Malerei zu verdichten. Mit Spachteln, Pinseln, Rollern, Schwamm oder
Spray übermalt sie Teile der Fotografie. Jedes dieser Werkzeuge hinterlässt seine eigenen Farbspuren: Pixelartige Farbsegmente entstehen mit dem Roller, dunstig wirken die Farben, die mit dem Spray aufgetragen sind, während der Pinsel subtile Lineamente hinterlässt. Dieser malerische Akt erfordert höchste Konzentration und Präsenz. Das Mass der Farbgebung will ebenso wohlüberlegt sein wie die Mittel, die dazu verwendet werden, um die Stimmung der Fotografie auf eine zusätzliche Ausdrucksebene übertragen zu können.
Wiederholung und Differenz
Den Einstieg in die Bilder von Rosa Lachenmeier ermöglichen einzelne Ausschnitte auf den Fotografien, die von der Farbe nicht übermalt worden sind. Man erkennt Menschen, Bauten, Bäume, die die Aufmerksamkeit zunächst auf sich ziehen. Erst ein längeres Betrachten dieses Ausschnitts lässt einen den orangen Namenszug, den dämmrigen Himmel oder das herbstliche Licht auf den Gesichtern der Passanten erkennen und von seiner unmittelbaren Umgebung abstrahieren. Diese gewissermassen isolierten Momente finden sich in unterschiedlicher Intensität und verfremdeter Form andernorts im Werk wieder, sei es als Pinselstrich oder als ähnliche Fotografie, die nun aber durch unscharfe Konturen auffällt. Komplementäres und Gegensätzliches, Abgrenzung und Offenheit, Spontaneität und Konstruktion halten sich in der Bilderwelt Lachenmeiers die Waage. Die Wiederholungen und die Art und Weise der Verwendung ihrer Differenz werden zu massgeblichen Antrieben, um vertraute Sehgewohnheiten konstruktiv zu stören. Der Blick gleitet über die unterschiedlichen Bildebenen, ohne dass die mitgetragene Stimmung oder das memorisierte Bildfragment verloren ginge.
Yvonne Barmettler
Rosa Lachenmeier
PAPIERARBEITEN 2001
Diese Dokumentation entstand 2002 zu den Papierarbeiten mit dem Titel CITYPEOPLE für die Kunst Zürich '02
21 x 15 cm, 24 Seiten, farbige Abbildungen,
Text von Yvonne Barmettler.
copyright für folgenden Text: Yvonne Barmettler.