Die Realität der Fotografie durch Malerei entfremdet
Es ist, als ob Heraklits Diktum, der Mensch steige niemals in denselben Fluss, Wirklichkeit würde, wenn man visuell in Rosa Lachenmeiers Bilderzyklus “Docklands” eintaucht. Dies ist umso überraschen-
der, als in ihrer Arbeit die Fotografie im Zentrum steht: Was könnte eindeutiger sein als ein realisti-
sches Foto? Die Basler Künstlerin, die regelmässig in der Galerie Billing Bild ausstellt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Fotografie aus ihrem engen Korsett der einfachen Abbildung von Wirklichkeit zu befreien. So darf der Betrachter nicht erstaunt sein, wenn seine Sehgewohnheiten und -erwartungen irritiert werden, denn konventionelle Fotografie findet sich in Lachenmeiers Arbeiten nur inmitten experimenteller Entfremdung und Abstraktion. Wie eben Heraklit bereits wusste: Was immer es ist, es ist nie dasselbe.
Collagen von Flusshäfen
Der Zyklus “Docklands” hat sich den Themen Wasser, Fluss und Hafen verschrieben, die alle auf den symbolischen Zusammenhang von Grenzüber-
schreitung und Verbundenheit verweisen. Mehrere Farbfotografien von Hafenansichten, Verladebrücken, Schiffscontainern oder Lagerhäusern sind dabei collageartig zusammengefügt. Die Collagen bearbeitet Lachenmeier mit Acrylfarbe, welche die “Docklands” durch erdige Herbstfarben oder kühle, raumöffnende Blautöne in eine bestimmte Stimmung tauchen.
Malerei geht vom Foto aus
Interessant an Lachenmeiers Arbeit ist ihr Umgang mit der Fotografie. Sie bildet nicht bekannte Post-
kartensujets ab, sondern nähert ein fotografisches Bild der Malerei an.
Dabei operiert sie streng formalistisch: Die Bilder werden gespiegelt, auf den Kopf gestellt, seiten-
verkehrt reproduziert und als Negative eingesetzt. Diese abstrahierende Bearbeitung führt dazu, dass zwischen den Acrylfarben und den Fotografien formale Analogien entstehen.
Spiel mit dem Abbild
Die fotografierte Oberfläche eines Containers kann in dieser Darstellung wie eine schlichte Farbfläche wirken. Sie ist gegenständlich, ein Abbild der Wirklichkeit, doch nur noch als farbige, rechteckige Fläche sichtbar. Auf einem anderen, um 180 Grad gedrehten, als Negativ entwickelten Bildausschnitt fransen die Linien des Horizontes so stark aus, dass dieser nicht mehr einem realen Horizont gleicht, sondern eher den weissen Farbklecksen auf dem Bildausschnitt daneben.
Rosa Lachenmeier entfacht in ihren Werken ein spannendes und mehrschichtiges Spiel von Differenz und Wiederholung, Repräsentation und Medialität, Formalismus und Spontaneität. Die Wirklichkeit des Hafens schwimmt mit dem Fluss buchstäblich davon. Der technischen Herstellung der Fotografien, die Lachenmeier auch mit dem Computer bearbeitet, steht die Intuition der Malerei gegenüber. Weil auch im streng formalisierten Verfremdungsverfahren des Entwicklungsprozesses nicht alle Effekte vorherseh-
bar sind, wird der Zufall zur treibenden Kraft und damit zur Schaltstelle von Technik und Intuition.
Roland Mühlemann
Aus: Zuger Presse, 27. August 2002,
zur Ausstellung in der Galerie Billing Bild, Baar
Rosa Lachenmeier
LANDSCHAPPEN LANDSCHAFTEN
Diese Publikation erschien anlässlich der Ausstellung Landschappen Landschaften
in der Galerie AdK Actuele Kunst in Amsterdam vom 1. März bis 6. April 2003.
21 x 15 cm, 20 Seiten, farbige Abbildungen,
Texte von Ada de Koning und Roland Mühlemann.
copyright für folgenden Text: Roland Mühlemann.