REALITÄT UND GEHEIMNIS
Acht Künstlerinnen


Katalog zur Ausstellung Realität und Geheimnis, zeitgenössische Positionen der realistischen Malerei
in der Galerie Epikur Wuppertal
vom 9. Dezember 2005 bis 4. Februar 2006

24 x 16,5 cm, 40 Seiten,
Texte von Asja Kaspers und Susanne Buckesfeld
Galerie Epikur Wuppertal, 2005.

copyright für folgenden Textauszug:
Susanne Buckesfeld, Wuppertal

Rosa Lachenmeier

In
ihren Arbeiten kombiniert Rosa Lachenmeier Fotografie und Malerei. Dabei stoßen zwei ganz unterschiedliche Medien mit ihren je eigenen Gesetz-
mäßigkeiten auf einer Leinwand zusammen, um eine spannungsreiche Beziehung zu bilden. Lachenmeier fotografiert Szenen aus dem urbanen Raum – städtische Architektur, Verkehrswege, das Durchein-
ander von Passanten auf der Straße – all dies hält sie mit ihrer Kamera wie in arbiträr gewählten Momentaufnahmen fest. Das Verschwimmen der Farben und Formen, vor allem bei Dämmerlicht, die Unschärfe der Fotografien sorgen dabei für den Eindruck von eiliger Flüchtigkeit. Auf diese Weise manifestiert sich in Lachenmeiers Arbeiten ein Blick, der wie im Vorbeifahren zufällig die Umgebung streift und nicht alle Einzelheiten zu erkennen vermag. Es kommt nicht nur die Hektik moderner Zeiten als prägende Seh-Erfahrung unserer Tage ins Bild, gleichzeitig sorgen die sich in Auflösung befindenden Objekte für einen visuellen Sog, der Ruhe ausstrahlt und von meditativer Qualität ist. Was genau verbirgt sich hinter den Stadtansichten, die Lachenmeier uns zu sehen gibt? Wo befinden wir uns mit der Künstlerin, wenn wir ihre Fotografien betrachten? Das ambivalente Verhältnis, das hier zwischen flüchtiger Bewegung auf der einen Seite und kontemplativer Versenkung auf der anderen besteht, ist in vielfacher Hinsicht bezeichnend für die Arbeiten von Rosa Lachenmeier. So wird etwa der Blick auf die sichtbare Welt, den sie uns mit ihren Fotografien erlaubt, zugleich von breiten Pinsel-
strichen durchkreuzt, die wie vertikale oder horizontale Balken die Aufnahmen überlagern und uns davon abhalten, den Bildgegenstand genau zu

erkennen. Im Gegensatz zur digitalen Fotografie offenbaren die Pinselstriche deutlich das Faktische ihrer Entstehung. Der schnelle Duktus, genauso fließend angesetzt wie beendet, weist ausdrücklich auf die Bewegung des Körpers im Malprozess hin. Viel unmittelbarer ist diese Ebene des Bildes entstanden, der digitalen Bildbearbeitung liegt dagegen lediglich der bloße Knopfdruck, die Bemächtigung technischen Geräts zugrunde. Mit dem Gestus des Malerischen wird zudem – vor allem in der vertikalen Bewegung – ein ganz anderer Typus von Zeitlichkeit ins Bild gebracht. Während die Fotografie dem Moment permanente Dauer verleiht, ist im gestischen Duktus der Malerei Lachenmeiers der prozessuale Charakter der Bildendstehung in den Vordergrund gerückt. Es ist eine tendenzielle Unabgeschlossenheit der Bildfindung erkennbar, die dem malerischen Prozess zu eigen ist.

Durch das gleichzeitige visuelle Erleben der beiden so unterschiedlichen Medien werden gleichsam zwei Ebenen der Realität in einem Bild vereint. Der illusorische Blick, den die Fotografie generell auf die sichtbare Welt ermöglicht, wird in den Arbeiten Rosa Lachenmeiers mittels der völlig abstrakten Pinselstriche klar als solcher entlarvt. Ihre Kunst erzählt von der Konstruktion der Bilder, ohne dass deren auratische Ausstrahlung dabei getilgt würde. Zwischen Offenbaren und Verbergen demonstriert Lachenmeier in ihrer Kunst vielmehr, wie uneindeutig und rätselhaft die Darstellung der sichtbaren Welt tatsächlich ist.

S
usanne Buckesfeld M.A.

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