WASSERWERKE

Wasser fliesst in Flüssen wie die am Herzschlag gemessene Zeit des Menschen. Was wir wahr-
nehmen, ist die Wellenwelt der Wasseroberfläche, deren Bewegung in der Kontemplation beinahe unbemerkt veschwinden kann, um dann unvermittelt wieder zu erscheinen. Wie aus dem Zustand einer temporären Verschmelzung mit dem Fluss geweckt, werden wir dann zurückgeworfen in die Trennung zwischen betrachtendem Bewusstsein und Objektwelt.

Rosa Lachenmeier widmet sich in ihren neuen Werken dem Wasser. Verschwunden sind die Menschen, die in früheren Arbeiten der Künstlerin eine zentrale Rolle gespielt haben. Verschwunden ist scheinbar auch das Motiv der Bewegung, das in den lebendigen Stadtszenen seinen Ausdruck fand. Geblieben ist vordergründig nur der Dialog zwischen Fotografie und Malerei.

Aufnahmen des Rheins und des Rheinhafens bilden die Grundlage der “Wasserwerke”. Zeit und Bewegung sind fotografisch eingefroren. Das Fliessen wird zunächst nur auf dem Hintergrund unseres Weltwissens in die Abbildungen hineinprojiziert und von der Statik der den Fluss säumenden Industriearchitektur und Landschaft abgehoben.

Bereits hier greift die Künstlerin in das Gegebene ein und verfremdet die scheinbar untrügerische Fotografie durch Kombination verschiedener Positiv- und Negativabzüge in streng rechteckiger Anord-
nung. Die klaren Grenzen zwischen den einzelnen Bildfeldern erzeugen in ihrer Repetition eine


rhythmische Qualität, die gefrorene Zeit wird so in der Bildabfolge aufgetaut.

Mit den Mitteln der Malerei reagiert Rosa Lachen-
meier nun auf die in den Fotografien erscheinenden Formen und Farben. Die Unterscheidung der Medien wird im Übergang von taktile Qualität erreichender, pastos aufgetragener Farbe zu feiner Lasur zunehmend verwischt. Die gemalten Flächen überschreiten und verbinden die streng getrennten Foto-grafien und bringen so das Fliessen sinnlich erfahrbar zurück ins Bild.

Diese Bewegung nun wird durch Adriana Stadlers Installation gleichsam in den Raum hineingetragen. Die Oberflächen der in zwei symmetrischen Quadraten ausgelegten, im Flussbett gerundeten und von der Künstlerin geteilten Steine bilden eine Wellenlandschaft. Der Schnitt durch die Steine erscheint wie der Versuch, in den freigelegten Schichten die versteinerte Zeit erfahrbar zu machen.

Durch die geschickte Zusammenstellung entsteht zwischen den Werken beider Künstlerinnen je nach Betrachterstandpunkt integrative Harmonie oder trennende Spannung. So wird der Betrachter beim Begehen des Raumes immer wieder aus seiner Versunkenheit in die Empfindung des ruhigen Fliessens zurückgeworfen in die Konfrontation mit den künstlerischen Interventionen ins scheinbar Gegebene.

Adrian Aebi, Basler Zeitung vom 21. Juni 2001
zur Ausstellung in der Galerie Mäder Basel
Rosa Lachenmeier
DOCKLANDS 2001-02


Diese Dokumentation entstand 2002 als Vorläufer
zur Ausstellungsbroschüre Rosa Lachenmeier – Docklands

21 x 15 cm, 20 Seiten, farbige Abbildungen,
Text von Adrian Aebi.

copyright für folgenden Text: Adrian Aebi, Basel.