Eine weitere Grenzüberschreitung betrifft dagegen die Art der Hängung: vergleichbar den Containern erfolgt sie in Ensembles, ohne jedoch einem zuvor errechneten, regelmässigen Raster zu folgen. Die Einzelbilder können nun nicht mehr allein für sich stehen und verlieren somit einen Teil ihrer Autonomie zugunsten eines grösseren Ganzen, dem sie sich unterordnen. Diesen Tatbestand belegen insbesondere die monochrom gelben, türkisen oder schwarzen Trennstreifen, die für eine Rhythmisierung der Ensembles sorgen, ohne darüber hinaus eine eigenständige bildliche Funktion zu besitzen. Die Kombination der Einzelbilder erfolgt in gegeneinander verschobenen Rechtecken, die sich in kubischen Formationen über die Wand des Ausstellungsraumes erstrecken, auch um Raumecken und -kanten herum. Dabei sind verschiedene Anordnungen denkbar, die ein harmonisches Gesamtbild ergeben, doch sind die Kombinationen keineswegs unendlich oder beliebig – nur wenige Varianten bilden ein schlüssiges Ganzes. Die Ensembles bemächtigen sich der Wand weit mehr, als es einem noch so grossen, selbst mehrteiligen Tafelbild gelingen könnte. Denn in ihrer Anordnung sind sie sozusagen wand-greifend: architektonischen Verfahren entlehnt, erstrecken sich die Bildmodule an der Wand, nehmen sie in Beschlag und können als Bildstruktur nicht ohne deren je spezifische räumliche Begebenheit existieren. Lachenmeier geht damit intuitiv auf die eigentliche Funktion der Wand zurück, ihren bildhaften Charakter, wie Semper ihn in seiner Schrift dargelegt hat. Den White Cube des Galerie-Raums definiert sie dabei nicht als einen von der Aussenwelt trennenden Raum, der erst den angemessenen gesellschaftlichen Rahmen für die Kunst bildet, sondern sie begreift seine Wände als explizit auf ihre bildliche Funktion reduzierte Bauelemente. Der Galerieraum als White Cube verkörpert damit par excellence das Wesen der Wand: nämlich Bild zu sein.

Anarchie & System, 2008
Übereckvariante in der Galerie Mäder
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Aus: Anarchie und System, Susanne Buckesfeld, 2009